Lichterkinder

Foto: Jaap Dijkstra

Dieser Gedanke ist mir im Zusammenhang mit Sankt Martin und dieser Herbstzeit neu. Und doch stell ich mir jedes Jahr die Frage, warum wir an Sankt Martin Laternen durch die Straßen tragen: Rote, gelbe, grüne, blaue, lieber Martin, komm und schaue.

Warum gehen auch wir an diesem Gedenktag für Martin von Tours auf die Straßen, feiern mit unseren Kindern diesen Tag? Und warum ranken sich so viele Traditionen um diesen Tag, die mit der Geschichte an sich vielleicht gar nicht viel zu tun haben? Ich denke noch heute gerne an den Stutenkerl, die Pfeifen, die dazugehörten und die Martinsbrenzel. Zumindest im Ruhrgebiet, in Westfalen, wo ich aufgewachsen bin.

In katholischen Gegenden denkt man an Martin von Tours, den heiligen Martin. In evangelischen Gegenden steht der Namenstag von Martin Luther im Vordergrund. Oder gibt es gar keinen Hintergrund? Ist es einfach nur schöne Tradition in der dunkler werdenden Jahreszeit mit bunten Lichtern und „rabimmel, rabammel, rabumm“ durch die Straßen zu gehen?

Lichterkinder. Davon spricht ein Lied, dass ich in der Vorbereitung auf St. Martin fand. Das handelt davon, dass Lichterkinder wie Sterne am Himmel leuchten und wie St. Martin mit denen teilen, denen es an Essen und Geld fehlt, die frieren und auf der Straße leben. Freude schenken, den Herzen schenken, den Mantel teilen…

Den Kindern im Kindergarten erzählte ich diese Geschichte von St. Martin. Sie begann im Gänsestall, wo Martin sich versteckte, weil er nicht zum Bischof gemacht werden wollte. Den Gänsen erzählte er seine Geschichte: wie er als Soldat durch die Nacht reitet, den Bettler sieht, seinen Mantel teilt. Dann, und auch das war mir in der Geschichte neu, wurde in meiner Vorlage davon erzählt, wie St. Martin danach träumte und Christus ihm begegnet. Im Traum sah Martin Jesus und hörte die Worte aus Matthäus 25,36:

„Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet“. So wusste Martin, dass er das Richtige getan hatte, heißt es in meiner Geschichte. Er tat, was er aus der Bibel wusste. Den einen Gedanken hatte er in die Praxis umgesetzt.

Mit seinen Möglichkeiten tat er, was in der aktuellen Situation ihm möglich war.

Dazu ermutigt uns diese Geschichte  – und die Zeit stellt uns vor die eigenen Herausforderungen.

Mit unseren Möglichkeiten tun, was die Zeit fordert: Licht in die Dunkelheit bringen.

Wärme zu denen die frieren.

Hoffnung zu den Verzweifelten.

Trost zu den Trauernden.

Licht und Lieder in diese Zeit hineintragen – nicht (nur) weil wir an Menschen der Geschichte erinnern wollen, sondern weil die Menschen bis heute „Lichterkinder“ brauchen, Menschen die Licht und Farben in das triste Grau des Alltags und die Dunkelheit der Nacht tragen.

Unsere Zeit braucht Menschen, große und kleine, die mit Wärme und Licht auf die Straßen gehen, die singend Freude verbreiten und teilen, was sie haben. Menschen, die wie Martin nicht nur sich selber sehen und bereit sind zu teilen. Und da ist die Laterne und die Kerze doch ein schönes Zeichen. Denn wieviel Wärme und Licht, Orientierung und Freude bringt schon eine kleine Kerze, die doch einen ganzen Raum mit ihrem Schein ausfüllen kann. Manchmal braucht es gar nicht mehr….

Claudia Sokolis