Novemberabende 2012

Die Novemberabende standen im Zeichen der Begegnung von Mitgliedern dreier Baptisten-Gemeinden: Eimsbüttel, Grindelallee und Altona und deren Gästen. Als Grundlage diente ein Büchlein, das in einem ökumenischen Arbeitskreis in Berlin-Brandenburg entstanden ist. Die Vertreter vieler Konfessionen formulierten, was sie gemeinsam über ihren Glauben sagen konnten. Das Ziel war, dass dieses Gemeinsame zugleich Glaubensfernen zumindest verstehbar und nachvollziehbar sein sollte. Das Büchlein „Den christlichen Glauben entdecken. Ein Leitfaden. Herausgegeben vom Ökumenischen Rat Berlin-Brandenburg“ wird seitdem als Grundlage vom Glaubenskursen benutzt. Das Buch kann über die Buchhandlung in der Holstenstraße oder direkt über das Internet bezogen werden. Eine Information und das 1. Kapitel finden Sie unter http://www.oerbb.de/buecher.html im Internet.

Der erste November-Abend bedachte den Glauben als Wissen des Herzens. Unser Glaube lebt zwischen Polen. Die TeilnehmerInnen positionierten sich nach einer Einführung im Gemeindesaal nacheinander zwischen den Aussagen:

1. Die Welt ist für mich vor allem schrecklich/schön.
2. Gott ist für mich vor allem nahe/fern.
3. Glauben bedeutet für mich vor allem Zweifeln/Vertrauen.
4. Mein Glaube ist für mich vor allem eine Gabe/eine Aufgabe

Dort, wo man stand, kam man ins Gespräch über den gewählten Standort. Im Plenum fasste man die Eindrücke dann zusammen. Jemand erzählte, wie sein Glaube unter den Ereignissen seines Lebens von festen Positionen in ein Hin- und Her geführt worden ist, er aber diese Entwicklung als Bereicherung seines Lebens und Glaubens erleben würde.

Der zweite Novemberabend thematisierte die Frage nach dem „Heiligen“. Nachdem einige Angaben zu der Frage „Was ist Dir heilig“ deutlich machte, dass hier eher „unantastbar“ oder “besonders wichtig“ hätte stehen sollen, ging Dietmar Lütz in einer kurzen Darstellung darauf ein, was den großen Kirchen und uns Freikirchen heilig ist, im Sinne eines Sakraments. Wieso erkennt die Frau in Könige 4 V.8-10, dass Elisa „ein heiliger Mann“ ist?

Heilig wurde definiert als das, was mit dem Göttlichen in Verbindung steht. Ein Sakrament (griech.: Mysterium) als die Schnittstelle zwischen uns und dem Heiligen. Als Ursakrament der Orthodoxen benannten er die Liturgie, der Katholischen Kirche die Eucharistie, das Abendmahl, das Wort für die Evangelische Kirche und die Gemeinschaft für die Freikirchen, weil sie die Schnittstelle zu Gott ist, „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen, auch wenn wir streng genommen, theologisch, kein Sakrament im Sinne der anderen Kirchen haben. Für alle ist die Gegenwart Christi in ihrem Zentralsakrament entscheidend.

Mit Anja Neu-Illg machten wir dann ein interessantes Experiment: Wir gingen in die Kirche und versuchten – möglichst unvoreingenommen, soweit es uns möglich war – an der Gestaltung des Gottesdienstraumes zu erfassen, was für „ die Gruppe, die sich hier trifft“ heilig ist. Wir sahen die – für die Altonaer gewohnten – Elemente in einem neuen Licht.

In der abschließenden Betrachtung fragte Manfred Kasemann:

Wie wirkt der Raum auf Menschen, die keine Christen sind?
Was ist mir heilig?
Opfere ich Zeit, es zu erleben, fasziniert es mich, erschreckt es mich?
Nehme ich Christus wahr, wenn wir (auch nur zwei oder drei) beisammen sind?

Das Heilige ist immer präsent, aber nicht immer zugänglich. Wie erlebe ich das Heilige?
Wir trugen einige persönliche Erfahrungen zusammen:

Beim persönlichen Gebet am Morgen
Stille als Voraussetzung
Gebet in kleinen Gruppen
Besondere Orte der Stille, der Andacht
Wenn ich es mit mehreren Menschen erfahre, verdichtet es sich.

Das Heilige, das Sakrament ist die Schnittstelle, wo sich Gott so mitteilt, dass es bei mir wirkt, wo ich von Gott in Jesus ergriffen bin.

Am dritten Abend beschäftigten wir uns mit dem Gebet unter dem Thema:
„Gebet – Rederecht bei Gott“ (Kap. 6, S. 32 ff)

Den Einstieg bildete ein „Schreibgespräch“, geleitet von Anja Neu-Illg, bei dem sich die Teilnehmer in fünf kleinen Gruppen an Stehtischen mit jeweils einer These (s. u.) beschäftigten. Um allen Gelegenheit zu geben sich zu äußern, wurde nicht gesprochen. Jede/r konnte seine Überlegungen aufschreiben und auf die Überlegungen der anderen in der Gruppe schriftlich reagieren. Das hatte den Vorteil, dass auch die „Stillen und Zurückhaltenden“ zu Wort kamen und dass es zur Kürze zwang, denn niemand wollte und konnte sehr lange Texte schreiben.
Die Behauptung von Pastorin Anja Neu-Illg aus der Gemeinde Eimsbüttel: „Wenn sich der Körper bewegt, bewegt sich auch der Geist“ erwies sich als zutreffend. In den Gruppen wurde intensiv, kontrovers und lebhaft „schreibdiskutiert“, in nachdenklicher Stille. Positionen wurden ausgetauscht, (neu) formuliert und gegen einander gestellt.

Die Thesen an den Tischen, zu denen sich jeweils eine Gruppe austauschte, waren:

– Not lehrt beten.
– Beten ist reden mit Gott.
– Ich muss erst Menschen danken bevor ich mich dazu erheben kann, Gott zu danken.
– Wenn man das Vaterunser in jedem Gottesdienst betet, nutzt es sich ab.
– Kierkegaard: Als mein Gebet immer andächtiger wurde, wurde ich immer stiller und zuletzt ganz still.

Vielleicht nehmen Sie eine dieser Themen für Ihren Hauskreis oder eine andere Gruppe, in der Sie „zuhause“ sind und diskutieren diese. Es ist eine interessante Erfahrung, dies schriftlich zu tun. Die Beiträge sind –zwangsläufig – kurz, deshalb oft sehr durchdacht und die Kommentare ebenfalls. Nach ca. 20 – 30 Minuten Schreibgespräch hat die folgende Diskussion gute Ausgangstexte und garantiert einen lebhaften Austausch.

Unter Bezug auf Römer 8, 26-28 „Der Heilige Geist hilft beten!“ und 14-15 „Wir haben einen kindlichen Geist und dürfen ABBA – lieber Vater zu Gott sagen führe Dietmar Lütz in das Kapitel Gebet aus dem Buch ein. Er zitierte Gerhard Ebeling, der in seiner Dogmatik die These aufstellt: Man kann nicht anders beweisen, dass man an Gott glaubt, als wenn man zu ihm betet.

Dietmar Lütz erläuterte die fünf Bausteine des Gebets (6. Kapitels des Buches):

Das Bitt- und Fürbittegebet
das Dankgebet
Die Klage im Gebet vor Gott
das persönliche Gebet um Klärung meiner Situation und meiner Lebensperspektive
das Anbetungs- und Lobgebet und
Das Vaterunser als besonderes Gebet mit der vertrauensvollen Anrede, den „Du-Bitten“ im 1. Teil, den „Wir-Bitten“ im Mittelteil und dem hymnischen Schluss mit er Erkenntnis der Größe und Bedeutung Gottes für die Welt.
In der Aussprache wurde deutlich, dass wir kaum klagen im Gottesdienst, dass die anderen vier Bausteine aber einen festen Platz haben. Die Frage, ob wir im Gebet klagen dürfen (wie die Psalmbeter und Hiob) oder (lieber?) nicht wurde diskutiert.
‚Was meinen Sie?

Es waren drei anregende Abende mit Geschwistern aller drei Innenstadtgemeinden, Eimsbüttel, Grindel und Altona. Wir haben miteinander gebetet, gesprochen und uns ausgetauscht. Miteinander haben wir Grundfragen des Glaubens diskutiert und gelernt, wie wir über diese Themen – auch mit Außenstehenden, die sich für den christliche Glauben interessieren – darüber sprechen können. Wir wünschen uns,

dass die Themen des Büchleins in den Gemeinden diskutiert und reflektiert werden,
dass wir das Miteinander der drei Gemeinden in den kommenden Jahren fortsetzen und
dass wir in der Gemeinde und in unserem Umfeld lernen, immer mehr über unseren Glauben sprechen und informieren zu können.

Wir empfehlen, das Buch zu kaufen oder zu verschenken und die Themen in Gruppen, in Hauskreisen, in der Familie oder wo immer es Ihnen sinnvoll erscheint zu besprechen. Die Texte sind kurz und gut strukturiert, sie können als Einstieg für Nichttheologen wertvolle Grundlage sein und können– mit Bibeltexten und entsprechender Literatur – so ausgeweitet werden, wie wir das jeweils möchten und brauchen.

Manfred Kasemann und Harald Frey