16. Mai 2021 | nachdenkenswert, Start-News

Vom Hinsehen und gesehen werden – Grundsätzliches von Johanna Panter

Vom 9.Mai-27.Juni 2021 ist in unserer Gemeinde die Praktikantin Johanna Panter zu Gast. Im Gottesdienst am 9.Mai hat sie sich kurz vorgestellt. Im Folgenden macht sie sich Gedanken über eine bekannte Geschichte aus dem Neuen Testament. Zugleich äußert sie grundsätzliche Gedanken über Gemeinde und Gesellschaft.

Hier sind ihre Gedanken zu hören!

Der Bibeltext 

1 Jesus kam nach Jericho; sein Weg führte ihn mitten durch die Stadt. 2 Zachäus, der oberste Zolleinnehmer, ein reicher Mann, 3 wollte unbedingt sehen, wer dieser Jesus war. Aber es gelang ihm nicht, weil er klein war und die vielen Leute ihm die Sicht versperrten. 4 Da lief er voraus und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum; Jesus musste dort vorbeikommen, und Zachäus hoffte, ihn dann sehen zu können. 5 Als Jesus an dem Baum vorüberkam, schaute er hinauf und rief: »Zachäus, komm schnell herunter! Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.« 6 So schnell er konnte, stieg Zachäus vom Baum herab, und er nahm Jesus voller Freude bei sich auf. 7 Die Leute waren alle empört, als sie das sahen. »Wie kann er sich nur von solch einem Sünder einladen lassen!«, sagten sie. 8 Zachäus aber trat vor den Herrn und sagte zu ihm: »Herr, die Hälfte meines Besitzes will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand etwas erpresst habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.« 9 Da sagte Jesus zu Zachäus: »Der heutige Tag hat diesem Haus Rettung gebracht. Denn«, fügte er hinzu, »dieser Mann ist doch auch ein Sohn Abrahams. 10 Und der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.« Lukas 19,1-10 NGÜ

Die Zachäus-Geschichte ist eine meiner liebsten. Schon als Kind mochte ich es, wenn meine Eltern sie mir aus der Bibel vorlasen, im Kindergottesdienst sang ich laut und gerne mit den anderen: „Zachäus war ein kleiner Mann, ein ganz kleiner Mann war er.  Er stieg auf einen Maulbeerbaum, denn der Heiland kam daher“. Und mit meinen Geschwistern spielten ich das Kinder-Mini-Musical Zachäus von Margret Birkenfeld nach. Wir konnten alle Texte auswendig, hatten unsere eigene Choreografie zu den Liedern erfunden und aus Stühlen und Tüchern bauten wir im Wohnzimmer einen Baum, auf dem wir uns verstecken konnten. Es fiel mir leicht, mich mit Zachäus zu identifizieren.

Zachäus, ein überdurchschnittlich kleiner Mann aus Jericho, der seinen Lebensunterhalt dort als Zolleinnehmer bestreitet. Obwohl Lebensunterhalt bestreiten etwas zu kurz gegriffen sein dürfte. Zolleinnehmer waren bekannt dafür, mehr Geld von den Menschen zu fordern, als ihnen zustand und so zu einem, der damaligen Zeit entsprechenden großen Wohlstand zu gelangen. Dies führte dazu, dass sie in der Gesellschaft nicht gern gesehen waren und insbesondere die jüdische Bevölkerung sie mit Sünder:innen gleichsetzte.
Scheinbar hat Zachäus bereits von Jesus gehört, von seinen Predigten und Wundertaten. Nun will er sich die Chance nicht entgehen lassen, diesen Jesus aus Nazareth auch mal aus der Nähe zu sehen. Also macht der Zöllner sich auf den Weg. Doch als er an der Straßenecke ankommt, wo Jesus jeden Moment vorüberziehen soll, sinkt seine Hoffnung. Menschen drängen sich dicht an dicht am Straßenrand entlang. Alle versuchen möglichst freie Sicht zu haben, um ja nichts zu verpassen. Doch Zachäus ist viel kleiner als die anderen und kann nichts außer die Rücken der vielen Menschen sehen. Als er versucht sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, um vielleicht etwas weiter vorne einen besseren Blick zu erlangen, wird er unfreundlich beiseite geschupst. Die Menschen hier halten nicht viel von ihm und niemand hat vor für einem Zöllner Platz zu machen. Enttäuscht zieht sich Zachäus zurück. Doch plötzlich kommt ihm eine Idee. Zwei Straßen weiter steht ein großer Maulbeer-Feigenbaum: Wenn er dort hochklettert, kann er die ganze Straße überblicken und wird Jesus auf keinen Fall verpassen. Und gleichzeitig wird ihn dort oben niemand bemerken. So muss er sich auch nicht die unfreundlichen Kommentare der Menschen anhören, die ihn ständig damit konfrontieren, dass sein Beruf nicht gerade der feinste ist.

Als Kind kannte ich sie nur zu gut. Momente in denen ich zu klein war. Sätze wie: `Das darfst du noch nicht´, `Das kannst du noch nicht´ oder `Das verstehst du noch nicht´. Inzwischen bin ich 27 Jahre alt und 1,63 groß. Bei Konzerten muss ich mich allerdings meist immer noch auf die Zehnspitzen stellen, um etwas von der Bühne zu sehen. Und auch das Gefühl dabei sein zu wollen, teilhaben zu wollen, aber nicht zu dürfen, weil ich zu klein, zu jung und unerfahren, zu weiblich und zu laut bin oder auf eine andere Weise den Anforderungen nicht entspreche, begegnet mir immer wieder. Auch Zachäus Bedürfnis nicht gesehen werden zu wollen ist mir bis heute nicht unbekannt. Etwas dummes gesagt oder getan zu haben, das im besten Fall einfach nur mir selbst peinlich ist, im schlimmsten etwas kaputt gemacht oder andere verletzt hat und sich darum am liebsten zu Hause unter einer Decke verkriechen, den entsprechenden Menschen nie wieder begegnen, oder sich eben zwischen dem Blätterdach eines Maulbeerbaums verstecken zu wollen.

Die Pandemie hat auf eine andere Art und Weise noch mal dazu geführt, dass ich mich mit Zachäus identifizieren kann. Vielleicht geht es dir ähnlich?
Zachäus wie er dort auf dem Baum sitzt und Jesus nur aus der Entfernung beobachtet, sieht was sich auf der Straße abspielt, aber selbst nicht gesehen wird, erinnert mich ein bisschen an uns, wie wir im letzten Jahr oft allein hinter den Bildschirmen sitzen und die Livestream Gottesdienste beobachten. Zumindest bei mir schleicht sich immer mal wieder das Gefühl ein, dass diese gestreamten Gottesdienste nicht so richtig zählen oder das ich was verpasse, wenn ich vor Ort bin, allerdings nicht mitsingen darf. Doch die Geschichte endet zum Glück nicht mit Zachäus auf dem Baum.

Langsam bewegt sich Jesus durch die Menschenmasse die Straße hinauf. Der kleine Zöllner beobachtet ihn genau, um ja nichts zu verpassen. Dabei wird ihm schnell klar; dieser Jesus aus Nazareth ist wirklich ein ganz besonderer Mann. Wie gern würde er ihn noch besser kennen lernen. Aber ihm ist auch klar, dass dies nur ein verrückter Tagtraum und Jesus viel zu berühmt ist, um ihn einfach so kennen zu lernen. Außerdem ist er gläubiger Jude. „Er würde niemals freiwillig mit einem Zöllner wie mir sprechen.“, denkt Zachäus traurig.
Jesus ist nun nur noch ein paar Meter von dem Maulbeer-Feigenbaum entfernt, auf dem Zachäus sitzt. Gleich wird er vorübergegangen sein. Doch stattdessen läuft Jesus direkt auf den Baum zu. Niemals hätte Zachäus das erwartet, doch Jesus sieht ihn an und ruft ihn. Er soll herunterkommen, denn Jesus möchte bei ihm Zachäus, bei ihm dem Zöllner, heute zu Gast sein. Zachäus kann sein Glück kaum fassen. Hastig klettert er vom Baum herunter, um sich mit Jesus auf den Weg nach Hause zu machen. Und zum ersten Mal, sind ihm die bösen Kommentare der Menschen um ihn herum, die so gar nicht verstehen können, wie Jesus einen wie ihn besuchen kann, ganz egal.

Die Zachäus-Geschichte ist eine meiner Liebsten, denn sie ermutigt mich. Jesus sieht mich. Auch wenn ich mich von allen anderen übersehen fühle, auch wenn ich manchmal lieber gar nicht gesehen werden würde. Jesus ruft mich. Für ihn bin ich nicht zu klein oder zu jung. Ganz egal was für ein Unrecht ich getan habe und auch wenn ich nur aus der Entfernung zuschaue: Jesus möchte mir begegnen und Gemeinschaft mit mir haben.

Und gleichzeitig fordert die Zachäus-Geschichte mich heraus. Nachfolge zu leben bedeutet für mich, mir an Jesus ein Beispiel zu nehmen, der durch die vollen Straßen geht und den:die Einzelne:n sieht. Auch die sieht, die etwas abseits sitzen, nicht Teil der Gruppe sind. Gar nicht so einfach für mich. Viel zu oft seh ich nur die Menschen, die ich eh schon kenne. Oder ich schau mit Absicht weg. Wenn mich zum Beispiel eine Obdachlose in der Bahn wieder nach ein paar Münzen fragt. Dabei möchte ich so gerne wie Jesus die Menschen wirklich sehen und ihnen voller Liebe begegnen. Also habe ich es mir zu Gewohnheit gemacht, Gott an jedem Morgen neu darum zu bitten, dass er mir hilft an diesem Tag die Menschen, denen ich begegne, mit seinen Augen zu sehen. Denn ich bin davon überzeugt, dass Gott mich ruft sein Reich in diese Welt zu bringen. Und das kann ich, durch Begegnungen mit Menschen. Weil Er in mir lebt und ich Seine Hoffnung und Liebe weitergeben darf. Unsere Welt und unsere Gesellschaft brauchen so dringend Menschen, die hinschauen und ihre Umwelt tatsächlich sehen. Wir haben es uns angewöhnt andere nicht wirklich wahrzunehmen, oder ihnen nur oberflächlich zu begegnen. Und ich glaube die Pandemie hat dies noch verstärkt. Wir sehen uns kaum noch. Und falls doch, über Bildschirme oder mit einer Maske im Gesicht. Umso wichtiger, dass wir hinsehen und nachfragen, bei den Menschen, denen wir begegnen.

Jesus geht mit zu Zachäus nach Hause. Er begegnet ihm in seiner Welt, seinem Umfeld. Das hätte der Zöllner niemals für möglich gehalten. Die Zuwendung Jesu berührt Zachäus und verändert sein Herz. Schon lange weiß er, dass er den Menschen Unrecht getan und auf ihre Kosten Reichtum angehäuft hat. Dass Jesus trotzdem bei ihm einkehrt und Gemeinschaft mit ihm haben möchte, macht ihm Mut. Sein ganzer Reichtum konnte ihm nicht geben, was diese Begegnung ihm gibt. Er möchte den Menschen, denen er zu viel Geld abgenommen hat, das Vierfache zurückgeben. Und die Hälfte seines Reichtums soll den Armen gehören.

Auch als Kirche sind wir gerufen hinzusehen, Menschen wahrzunehmen und ihnen in ihrem Umfeld zu begegnen. Manchmal macht es mich traurig, wie die Kirche Jesu so oft nur in ihrem eigenen Saft schmort und sich selbst genügt. Nette Gottesdienste sollen den Besucher:innen ein gutes Gefühl vermitteln. Wenn eine fremde Person kommt, ist das zwar schön, falls nicht ist das aber auch okay. Mein Herz brennt für eine Kirche, die zu den Menschen geht. Die Menschen in ihrer Umgebung sieht und wahrnimmt. Mit ihren Sorgen, Ängsten und Nöten. Eine Kirche, die das Evangelium in Wort und Tat verkündigt und eine Hoffnung in diese Welt bringt, die Leben verändert. Ich träume von einer Kirche, die nicht erwartet, dass die Menschen in ihrer Nachbarschaft zu ihr kommen und sich ihrer Vorstellung anpassen, sondern die sich selbst den Bedürfnissen ihres Umfelds anpasst und so einen Ort schafft, an dem Menschen so wie sie sind Gott begegnen können, der sie gesund liebt und ihr Leben verändert. Darum engagiere ich mich in Gemeinde, studiere ich Theologie und möchte ich Pastorin werden.

Oft schon habe ich gehört, dass wir als Christ:innen aufpassen müssen ungläubigen Menschen nicht zu nahe zu treten, wenn wir von unserem Glauben erzählen. Wir könnten sie dabei in eine unangenehme Situation bringen. Jesus hat sich bei Zachäus nach Hause eingeladen. Er ist den Menschen ganz schön nahegekommen. Das war nicht immer angenehm. Er hat Dinge gesagt, die sie lieber nicht hören wollten, hat sie herausgefordert. Manchmal durch das, was er gesagt hat, manchmal (wie bei Zachäus) nur durch sein Verhalten. Doch immer ist er ihnen in Liebe begegnet, war seine Nähe heilsam, hat er Wertschätzung entgegengebracht und Frieden ausgestrahlt. Ich glaube, dass es unser Auftrag als Kirche ist den Menschen nahe zu treten, wo auch immer sie sind.

Jesus ging es nicht darum bei Zachäus mal eben vorbeizuschauen, damit dieser sich auch geliebt fühlt, oder sein Geld den Armen gibt, um wieder etwas Gerechtigkeit herzustellen. Und wir Christ:innen sind nicht in dieser Welt um den Menschen nur zu sagen, dass sie von Gott geliebt werden, so wie sie sind oder um uns einfach nur für eine gerechtere Welt einzusetzen. Ich glaube nicht, dass wir als Kirche nur da sind, um uns sozial-diakonisch oder politisch zu engagieren und unsere Umwelt so zu einem besseren Ort zu machen. Natürlich ist soziales, diakonisches und politisches Engagement auch gut. Es ist sogar wichtig und richtig. Aber Jesus besuchte Zachäus, damit dieser gerettet wird. Er selbst sagt in Vers 10: „Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist“.
Errettung ist keine Kleinigkeit. Sie ist das größte Geschenk aller Zeiten, für das Jesus am Kreuz bezahlt hat. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Gott jede:n Einzelne:n sieht, uns nahe sein möchte, mit uns in Gemeinschaft leben will und darum Rettung möglich gemacht hat. Mein Herz schlägt für die Kirche Christi, die hingeht, dass Menschen Gott begegnen und gerettet werden können.

Die Zachäus-Geschichte ist eine meiner Liebsten, denn sie ermutigt mich. Ich darf wissen, Jesus sieht mich, ruft mich und liebt es Gemeinschaft mit mir zu haben. Und sie fordert mich heraus hinzuschauen, meine Mitmenschen mit Gottes Augen zu sehen und ihnen das Evangelium zu verkündigen. Von Gottes Liebe zu erzählen, dass Rettung nötig und Veränderung möglich ist!
Ich weiß nicht, welche Gefühle die Zachäus-Geschichte in dir auslöst. Aber ich wünsche dir, dass du dich mit mir gemeinsam ermutigen und herausfordern lässt. Ganz unabhängig von deiner Vergangenheit oder deinen Umständen: Jesus übersieht dich nicht. Du wirst gesehen. Und er ruft auch dich loszugehen und Menschen zu sehen.

Johanna Panter