23. August 2021 | nachdenkenswert, Start-News

Gedanken zu Markus 7, 31-37 aus Sicht einer Gebärdensprachlerin

An der Gestaltung des Gottesdienstes am 22.August 2021 hat sich Judith Grabe-Scholl beteiligt. Anlass dafür war u.a. der von der Perikopenordnung vorgeschlagene Predigttext, in dem es um einen gehörlosen Mann geht.
Der Pastor der Gemeinde hatte Judith Grabe-Scholl gebeten, ein paar Stichworte zum Bibeltext Markus 7, 31-37 (dieser ist hier nachzulesen, bitte zu Vers 31 scrollen) für die Vorbereitung der Predigt zu nennen. Im Rahmen der Predigt konnte er nur einige Gedanken aufnehmen. Hier sind alle ‚Stichworte‘. Herzlichen Dank für die Beteiligung am Gottesdienst (dieser ist über unseren Videokanal nachzuerleben) und für die ausführlichen Zeilen!

 

„Als Frau, die im Studium und Beruf jahrelang mit gehörlosen Menschen zu tun hatte, die in einer gut funktionierenden Gebärdensprach- bzw. Gehörlosengemeinschaft Zeit und Leben miteinander teilen, stößt mir sofort der Begriff „Taubstummer“ in der Überschrift auf. Ein Großteil der Gehörlosen kommuniziert heute in Gebärdensprache oder zumindest in Lautsprachbegleitenden Gebärden. Da die Gebärdensprache wie andere Sprachen auch eine vollwertige Sprache ist (sprachwissenschaftlich belegt) mit allen Facetten, die andere Sprachen auch zu bieten haben, u.a. auch eine eigene Poesie, empfinden viele Gehörlose den Ausdruck „Taubstumm“ als Beleidigung, da sie ja nicht sprachlos sind. In jahrelang behindertenpädagogischer Sozialisation mussten sie zudem anstrengendes Artikulationstraining durchlaufen und in Lautsprache artikulieren lernen, haben Ärztemarathons hinter sich für eine gute Hörgeräte-Anpassung, damit sie möglichst an eine hörende Mehrheitsgesellschaft angepasst werden können. Und trotzdem bleibt eine Kommunikation mit hörenden Menschen in Lautsprache für sie immer anstrengend.

Außerdem wurde zumindest früher „Taubstumm“ mit taub und dumm in Verbindung gebracht.

Daher frage ich mich, wie ein gehörloser Mensch den Predigttext aus seiner Perspektive vielleicht lesen würde. Dem würde sicher sofort auffallen, dass die Geschichte ganz eindeutig aus der Perspektive eines hörenden Menschen geschrieben ist.

Der taube Mann in der Geschichte konnte kaum reden. Das spricht sehr dafür, dass er einmal hören und auch normal sprechen konnte, jedoch sein Gehör und daraufhin auch die Sprechfähigkeit über die Zeit verloren gegangen ist, weil er sich selbst nicht mehr hören und seine Artikulation kontrollieren konnte (solche Menschen nennt man im Fachjargon „spätertaubt“). Die Kommunikation zu denen, die ihn zu Jesus bringen, ist dann sicher in Folge seiner Gehörlosigkeit nach und nach immer mehr abgerissen. Seine Begleiter bringen ihn sicher deshalb zu Jesus, damit dieser den Ursprungszustand wieder herstellt und sie wie früher mit dem Ertaubten wieder sprechen können.
Die Initiative, den Mann zu Jesus zu bringen, kommt offensichtlich nicht von dem gehörlosen Mann selbst. Er hat sicher vorher nichts von Jesus mitbekommen / „gehört“, sondern die Initiative geht von denen aus, die ihn zu Jesus bringen. Mir stellt sich dabei die Frage: Wollte der Gehörlose selbst zu Jesus, oder wollten das nur die, die in zu ihm bringen?
Es wird nirgendwo etwas darüber gesagt, ob der gehörlose Mann selbst von seiner Gehörlosigkeit geheilt werden wollte.

Denjenigen, die den gehörlosen Mann zu Jesus bringen, geht es offensichtlich darum, dass der Mangel „Gehörlosigkeit“ / „Sprachlosigkeit“ bei ihrem Freund beseitigt wird; sie sehen nur das Defizit an ihm, den Mangel, der weg muss: Gehörlosigkeit wird auch heute vielfach nur als Defizit gesehen, das man ausgleichen muss (Hörgeräte, Cochlea-Implantate schon bei Neugeborenen, gehörlose Eltern, die ihr Kind in Gebärdensprache erziehen wollen, und denen das Sorgerecht wegen Verletzung der Sorgfaltspflicht durch das Jugendamt entzogen werden soll, weil sie nicht bereit sind, wie von Medizinern dringend empfohlen, ihrem Kind ein Cochlea-Implantat einpflanzen zu lassen.) Das finde ich sehr traurig.

Hier stellt sich die Frage, auf welcher Seite der Mangel liegt: Auf der Seite des Gehörlosen, der seine Sprache fast verloren hat oder auf Seiten seiner Begleiter, die ihn zu Jesus bringen.
Wenn den Begleitern so viel daran liegt, dass sie wieder mit ihrem Freund sprechen können, hätten sie Jesus ja auch darum bitten können, ihnen zu zeigen, wie sie mit ihrem gehörlosen Freund besser umgehen bzw. wieder mit ihm kommunizieren können.

Wer tatsächlich gehör- oder sprachlos ist in der Geschichte des Predigttextes, ist eine Frage der Perspektive: Vielleicht sind ja auch die Begleiter sprachlos, weil sie nicht wissen, wie sie mit dem Gehörlosen umgehen sollen. Vielleicht muss der Mangel ja nicht bei ihrem gehörlosen Freund beseitigt werden, sondern nur ihr eigenes Unverständnis oder ihr Mangel an Bereitschaft sich auf die verbleibenden Kommunikationsmöglichkeiten (visuell) des Gehörlosen einzulassen.

Mich würde es übrigens ekeln, wenn jemand „Fremdes“ meine Zunge mit seinem Speichel berührt. Das verbinde ich weiter mit der Assoziation, die durchaus auch ein*e Gehörlose*r haben könnte: Was Menschen / Kinder, die gehörlos geboren wurden oder die spätertaubt sind, nicht alles auf sich nehmen müssen, weil sie unbedingt an die hörende Mehrheitsgesellschaft angepasst werden sollen (z.B. jahrelanges Artikulationstraining, Einpflanzen von Cochlea-Implantaten schon im Säuglingsalter; von Seiten der Medizin wir oft nur der Weg der vermeintlichen „Heilung“ aufgezeigt, nicht aber die Möglichkeiten, dass auch eine visuelle Kommunikation in Gebärdensprache und der Kontakt zu Gehörlosen in einer Gehörlosengemeinschaft auch ein – zumindest zusätzlicher – Weg sein kann, um eine stressfreie visuelle Kommunikation zu ermöglichen.

Auch das Heilungswunder Jesu im Predigttext dreht sich um die Beseitigung eines Mangels wie in allen Heilungswundern.

Besonders in diesem Gleichnis hätte das Wunder vielleicht auch ganz anders aussehen können: Nämlich, dass Jesus die Kommunikationsbehinderung der Menschen, die den Gehörlosen zu ihm bringen, aufhebt , also quasi deren Behinderung gegenüber dem gehörlosen Mann, indem er Möglichkeiten der (alternativen visuellen) Kommunikation mit dem Gehörlosen und Spracheingeschränkten schenkt.

Da Menschen mit Behinderung zur Zeit Jesu noch mehr als heute am Rand der Gesellschaft standen, wäre das in meinen Augen kein minder großes, sondern gesellschaftlich eher weitreichenderes Wunder gewesen, weil es auch bei den Umstehenden sicher ein nachhaltig größeres Umdenken in Bezug auf den Umgang mit Menschen mit Behinderung bewirkt hätte. Da das Wunder der Heilung im Predigttext – und auch in anderen Heilungsgeschichten – ja immer nur einem Menschen zugutekommt, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass viele Gehörlose sich dieses Wunder heute sicher auch so wünschen würden.

Und dann noch zum Schluss:
Jesus bewirkt, dass der taube Mann wieder sprechen kann, verbietet ihm und den anderen aber daraufhin den Mund (ein hübscher Widerspruch!)