5. Januar 2022 | Berichte & Info, Start-News

Fragen an Q.Sultani und C.Hokema

Am 9.Januar 22 fand im Rahmen des Gottesdienstes die Ordination von Qorban Sultani zum Pastor des BEFG statt.
Die Zeitschrift DIE GEMEINDE hat die Pastoren der Gemeinde um ein Interview gebeten. Hier ist es vorab zu lesen.


Neue Wege in einer ‚alten‘ Gemeinde

Die Gemeinde Hamburg-Altona hat seit November 2021 wieder zwei Pastoren. Das war eigentlich nicht geplant. Dass der neue Pastor der Gemeinde aus Afghanistan stammt, das hat allerdings einen guten Grund.

DIE GEMEINDE: Wie seid ihr, also Gemeinde Altona und Qorban Sultani, zueinandergekommen? Und warum passt ihr zueinander?

Carsten Hokema: In unserer Gemeinde treffen sich seit über 20 Jahren Christ:Innen aus Afghanistan und aus dem Iran. Ein afghanischer und ein deutscher Bruder haben sich über Jahrzehnte sehr intensiv um diese Gruppe gekümmert.
Die Kontaktflächen zur restlichen Gemeinde waren jedoch, aus welchen Gründen auch immer, sehr begrenzt. Die beiden Brüder sind mittlerweile knapp 80 Jahre alt. Also jeweils …. . Und die Arbeit wird nicht weniger. Nach mehreren Versuchen, Unterstützung zu bekommen, haben wir vom BEFG Anfang 2021 den Hinweis erhalten, dass wir uns an Qorban wenden könnten. Er hatte gerade das PIAP-Programm in Elstal abgeschlossen.

Qorban Sultani: Ich bin seit 2015 in Deutschland. Die Gemeinde in Mettmann war jahrelang meine Heimat. Sie haben mir sehr viel geholfen und ermöglicht. Meine Familie, ich bin verheiratet und habe drei Töchter, kam 2017 nach Deutschland. Ich habe eine Ausbildung zum Automechatroniker und parallel die Ausbildung in Elstal gemacht. Und dann hat das Telefon geklingelt.

Carsten Hokema: … ja, als er in Elstal fertig war, konnten wir uns endlich bei ihm melden. Ich erinnere mich an das erste Telefonat. Es hat gefunkt. Von Februar bis September ging dann alles so schnell, dass nicht wenige in der Gemeinde von einem Wunder sprechen. Es mussten aber auch viele inhaltliche Gespräche, die es mit kulturellen und geistlichen Anliegen in der Gruppe der afghanischen und iranischen Geschwister zu tun haben, geführt werden. Beim deutschstämmigen Teil der Gemeinde hatte ich immer den Eindruck, dass sie nur darauf warteten, dass Qorban mit seiner Familie endlich nach Hamburg zieht.

Qorban Sultani: Ja, ich wurde hier herzlich aufgenommen und ich glaube nach den Monaten, die ich nun hier arbeite, dass wir wirklich gut zueinander passen. Ich habe den Eindruck, dass die Gemeinde sie sich über alles, was wir gemeinsam machen, sehr freut. Und ich merke, dass wir ein gemeinsames Anliegen haben. Wir möchten, dass Menschen Freude am Glauben erleben und auch, dass Menschen zum Glauben kommen. Wir ergänzen uns gut.

DIE GEMEINDE: Qorban, kannst du uns ein paar Sätze zu deinem Leben erzählen?
Ich bin in Afghanistan geboren und aufgewachsen. Und auch zur Schule gegangen. Nach der Schule bin ich 2007 durch die Familie meines Schwagers nach Indien gekommen. Leider ohne meine Frau und Tochter. In Indien habe ich das Christentum kennengelernt. Und ich habe mich taufen lassen. Nach der Taufe wollte ich gerne Gott dienen. Der Pastor der indischen Gemeinde hat dafür gesorgt, dass ich ein paar theologische Grundkurse machen konnte. 2013 bin ich nach Afghanistan zurückgegangen. Ende 2013 bin ich in den Iran gezogen. Da habe ich als Handwerker gearbeitet. 2015 bin ich dann in Mettmann angekommen und 2016 habe ich das PIAP-Programm in Elstal angefangen. In Mettmann habe ich in der Gemeinde ehrenamtlich, geholfen, übersetzt, Taufkurse gemacht, gepredigt und in der Gemeindeleitung mitgearbeitet. Und jetzt sind wir in Altona ….

DIE GEMEINDE: Carsten, kannst du uns ein paar Sätze zur Gemeinde Altona erzählen – nicht zur Geschichte (die ja auch lang und spannend ist), sondern zur gegenwärtigen Situation?

Carsten Hokema: Geschichte? Wir haben gerade das 150.Jubiläum gefeiert. Gegenwart? Wir haben beim Jubiläum auch deutlich gemerkt, wie sehr sich Gemeinde und Gesellschaft nicht nur, aber auch, durch den ‚Katalysator Corona‘ verändert hat. Wir stehen vor riesigen Herausforderungen. Die Relevanz unserer Mitglieder als Christ:Innen in ihrem Alltag ist sicherlich groß,  aber um die Bedeutung unserer Gemeinde für den Stadtteil Altona zu finden, muss man schon ein wenig suchen … . Auch die Teilnahme an gemeindlichen Veranstaltungen aller Art ist eher mau. Wir engagieren uns seit einiger Zeit aktiv an einem Runden Tisch in der Nachbarschaft. Das ist herausfordernd und spannend. Die Gemeinde hat ein starkes ‚diakonisches Gen‘, wenn man zB an das Diakoniewerk TABEA, an das JesusCenter oder das jahrzehntelang durchgeführte Winternotprogramm für Obdachlose denkt. Die Gemeinde hat ein weites Herz und offene Arme. Das ist auch in Zukunft unsere große Chance. Wir  brauchen für die Zukunft gute Ideen für die Struktur und die Gestaltung der Gemeindearbeit. Und gerne helfen wir Menschen auch, dass sie Jesus kennenlernen. Wir schnuppern aber auch echte Frühlingsluft. Da geht was. Und das jetzt auch gemeinsam mit Qorban und den anderen Geschwistern.

 

Qorban Sultani: Ja, es geschieht schon einiges, aber die Situation der farsi- und darisprechenden Geschwister ist an manchen Stellen auch schwierig. Es gibt kulturelle und sprachliche Herausforderungen. Aber auch viele persönliche Nöte. Wir wollen unsere Geschwister begleiten und beim Einleben in Deutschland helfen. Und wir beten um Glaubensstärkung und auch, dass weitere Menschen zum Glauben kommen.

DIE GEMEINDE:  Carsten und Qorban, wie teilt ihr euch die Arbeit auf? Um welche Bedürfnisse, Anliegen, Projekte, kümmert ihr euch?

Qorban Sultani: Mein Schwerpunkt ist natürlich die Arbeit mit Iranern und Afghanen.
Das persönliche Begleiten und die Veranstaltungen sind meine Hauptaufgabe.
Aber wir haben bewusst gesagt, dass ich auch bei allen anderen Veranstaltungen der Gemeinde mit dabei bin und mich – soweit die Zeit es zulässt – einbringe.

Carsten Hokema: Die vergangenen Monate waren, was das Miteinander angeht, sehr intensiv und wir haben jede Menge schöne Momente erlebt. Qorban hat einen Taufkurs durchgeführt. Gemeinsam haben wir am 4.Advent getauft. Das war in der Gesamtgemeinde ein fröhliches Miteinander. Es wird aber weiterhin zwei Gottesdienste geben. Wir wollen 2022 die informellen Begegnungsmöglichkeiten stärken. Gemeinsame Feiern, Ausflüge, ein Sprach-Cafe usw..
Ab 2023 wollen wir dann mal versuchen, einmal im Monat gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Und was dann passiert, werden wir mal sehen ….

DIE GEMEINDE:  Nimmt euer Umfeld wahr, dass ihr einen afghanischen Pastor habt?
Qorban Sultani: Das kann man im Moment so noch nicht sagen. Wir haben aber zB eine Frau in der Gemeinde, die immer wieder einfach neue Leute in die Gemeinde einlädt. Die merken das dann schon, dass es einen farsisprechenden Pastor gibt. Und vielen tut das auch gut. Es ist ein Stückchen Heimat.

Carsten Hokema: Wir machen in nächster Zeit ein paar vorsichtige Schritte in Richtung Nachbarschaft, was Qorbans und meine gemeinsame Arbeit angeht. Wir wollen zB Leute aus dem Umfeld einladen, das Sprach-Cafe mitzugestaltet. Mal sehen, was passiert … .

DIE GEMEINDE:  Haben sich eure Gottesdienste und Gruppenveranstaltungen verändert, seit ihr einen weiteren Pastor habt? Wie integriert ihr und wie ihr schafft ihr Menschen aus anderen Ländern eine Heimat?

Carsten Hokema: Ja, unbedingt hat sich etwas verändert. Dadurch, dass Qorban sich auch an den deutschsprachigen Gottesdiensten beteiligt, kommen auch hin und wieder unsere ‚neuen‘ Geschwister in den deutschsprachigen Gottesdienst. Dann wird eben mal zwischendrin übersetzt oder ein anderssprachiges Lied gesungen. Insgesamt ist es bei uns durch Qorbans Art und Arbeit noch ungezwungener geworden. Viel wichtiger sind für mich aber die Begegnungen, die durch Qorban und sein Engagement möglich werden. Er schafft Kontaktflächen. Und das ist goldwert.

Qorban Sultani: Ein großes ausgearbeitetes Konzept haben wir für die Zukunft nicht.
Wir freuen uns über jede Kleinigkeit, die uns im Miteinander voranbringt. In unserem neu gestalteten Gemeindesaal ist zB ein Teil im orientalischen Stil eingerichtet. Das ist wirklich gemütlich. Als ganze Gemeinde wollen wir Gott und den Menschen dienen. Da wird sich auch in Zukunft vieles wie von selbst ergeben.